Demenz
Wenn die Demenz das Leben überholt – Der Mensch im Himmel und doch auf der Erde
In den 1980er Jahren flimmerte Die Schwarzwaldklinik über deutsche Bildschirme und prägte eine ganze Generation. Die Serie war mehr als Unterhaltung – sie griff Themen auf, die bis heute ungelöst sind: Würde im Sterben, ethische Grenzen der Medizin, familiäre Konflikte im Angesicht des Todes. Ein Satz aus der Folge Sterbehilfe blieb vielen tief im Gedächtnis. Dort sagt Prof. Klaus Brinkmann vor Gericht: „Und es kann nur die Aufgabe eines Mediziners sein, das Leben zu verlängern – nicht das Sterben.“ Der Satz bezog sich auf einen Fall aktiver Sterbehilfe, die in Deutschland verboten ist – selbst wenn der Patient schwer leidet und ausdrücklich darum bittet. Doch er wirft auch ein Licht auf die Frage, wie viel Einfluss ein Mensch auf sein eigenes Lebensende überhaupt nehmen darf. Und genau hier beginnt das Dilemma – besonders bei Demenz.
Zwischen Himmel und Erde - Demenz beginnt leise.
Was mit kleinen Gedächtnislücken anfängt, entwickelt sich zu einem Zustand, in dem der Mensch zwar körperlich präsent bleibt, geistig jedoch in eine andere Welt abdriftet. Angehörige erleben diesen Prozess als eine Form des doppelten Abschieds: Der Mensch ist noch da – und doch schon weit entfernt. Es entsteht das Gefühl, er sei bereits halb im Himmel, während er noch auf der Erde verweilt.
Drehtürpatienten, psychiatrische Aufenthalte, erschwerte Weitervermittlung
Bei fortgeschrittener Demenz treten häufig herausfordernde Verhaltensweisen auf – darunter Aggression, Unruhe oder Enthemmung. In akuten Situationen kommt es nicht selten zu kurzfristigen psychiatrischen Aufenthalten, oft als eiliger Notfall und gegen den ursprünglichen Willen der Betroffenen. Diese Aufenthalte sind belastend – für die Erkrankten, für Angehörige und für das Personal. Und sie haben Folgen: Nach einem solchen Aufenthalt gelten die Betroffenen in vielen Pflegeeinrichtungen als „schwierig“. Die Aufnahme wird erschwert, die Weitervermittlung verzögert sich oder scheitert ganz. So entsteht ein Kreislauf aus kurzfristigen Unterbringungen, Ablehnungen und Überforderung – das klassische Drehtürprinzip. Einrichtungen sind überlastet, Fachkräfte fehlen, und die Würde des Einzelnen droht unter bürokratischen und personellen Engpässen zu verschwinden.
Patientenverfügung – und die Grenzen der Selbstbestimmung
Viele Menschen sagen frühzeitig: „Soweit soll es für mich nicht kommen.“ Sie verfassen eine Patientenverfügung, in der sie lebensverlängernde Maßnahmen ablehnen – etwa künstliche Ernährung oder Flüssigkeitszufuhr. Doch die Realität ist ernüchternd: Auch mit Verfügung kommt es zur Endphase. Denn die Demenz endet nicht abrupt. Sie zieht sich über Wochen und Monate. Der Mensch verliert die Fähigkeit zur Kommunikation, zur Orientierung, zur Selbstbestimmung. Die Verfügung greift erst in der allerletzten Phase – wenn der Körper nicht mehr eigenständig trinkt oder isst und die Frage nach einer Infusion im Raum steht. Wird in diesem Moment auf Flüssigkeitszufuhr verzichtet, verkürzt sich der Sterbeprozess auf wenige Tage. Das ist der einzige Punkt, an dem die Verfügung wirklich Einfluss nimmt. Davor bleibt der Mensch verhaftet in einem Zustand, den er nie wollte – und den er in Deutschland nicht vermeiden kann.
Ein Blick nach Holland – Sterbehilfe mit gesetzlicher Klarheit
Die Niederlande haben 2002 als erstes Land weltweit ein Gesetz verabschiedet, das aktive Sterbehilfe unter strengen Voraussetzungen erlaubt. Dort dürfen Ärztinnen und Ärzte einem unheilbar leidenden Menschen beim Sterben helfen, wenn: - der Wunsch freiwillig und wohlüberlegt geäußert wurde, - das Leiden als unerträglich und aussichtslos gilt, - keine andere medizinisch vertretbare Lösung existiert, - ein unabhängiger Arzt hinzugezogen wurde, - und alle Schritte sorgfältig dokumentiert sind. Diese gesetzliche Regelung schafft Klarheit – und ermöglicht Selbstbestimmung bis zum Schluss. In Deutschland hingegen bleibt selbst die passive Sterbehilfe auf die letzten Tage begrenzt. Wer an Demenz erkrankt, hat keine Möglichkeit, den Verlauf der Endphase zu vermeiden – selbst wenn der Wille eindeutig ist.
Mitreden kann nur, wer selbst erlebt hat, wie ein geliebter Mensch sich verliert. Wer gespürt hat, wann der letzte Punkt überschritten war – der Moment, in dem nichts mehr zurückkommt. Wer weiß, wie sich das anfühlt: zwischen Hoffnung und Ohnmacht, zwischen Liebe und Loslassen.
Fazit: Der letzte Weg verdient Würde – nicht Dauer
Wenn die Demenz das Leben überholt, wenn der Mensch im Himmel und doch auf der Erde ist, dann braucht es keine Verlängerung um jeden Preis, sondern das Recht auf einen würdevollen Abschied. Der Satz von Prof. Brinkmann bleibt ein ethischer Kompass: „Und es kann nur die Aufgabe eines Mediziners sein, das Leben zu verlängern – nicht das Sterben.“
Für meinen Vater (1949-2024).

